Interview mit Bernadette Fittkau, Zentrum für Palliativmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München

 

Bernadette Fittkau-Tönnesmann M.P.H. Postgraduate, Doktor der Medizin und Anästhesistin, ist die Leiterin des Chrisptophorus Akademie für Palliative Medizin, Interdisziplinäres Zentrum für Palliativmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die ChallengeX-Methode wird als eine Lehrmethode in verschiedenen Bereichen der Weiterbildungskurse angewandt.

 

Wie unterscheidet sich ChallengeX von anderen Programmen?

 

Für mich ist ein ganz entscheidender Punkt, dass in jedem Training nicht an einem abstrakten Modell gearbeitet wird, sondern an der konkreten Situation mit einem definierten theoretischen Rahmen. Die Gruppen sind ja sehr heterogen, vom Jungassistenten bis hin zu Chefärzten und jeder kann eigentlich an dem Punkt einsetzen, an dem er arbeiten möchte oder, an dem er etwas weiterentwickeln kann.

In diesen Gruppen aus unterschiedlichen medizinischen Bereichen gibt es also eigentlich viele Spannungsfelder. Durch diese Trainings können wir in unsere ganze Arbeit andere Impulse setzen, so dass der Umgang mit Dingen, die am Anfang schwierig waren, bei denen es Berührungsängste gab, immer einfacher wird. Wir gehen viel vertrauensvoller miteinander um. Die Menschen bemerken, wie sich die Kommunikation nach den Trainings verändert und begegnen einander nicht distanzlos sondern mit ein einer neuen und sehr positiven Qualität. Zum Beispiel gibt es während des Trainings genug Raum, um das aktive Zuhören einfach zu erleben, also was es bedeutet zuzuhören nicht zu sprechen, die Stille auszuhalten. Diese Dinge sind einfach so ganz beiläufig mit in das Konzept integriert und werden nicht auf eine Schüler-Lehrer Art vermittelt.

 

Was waren die langfristigen Ergebnisse von ChallengeX?

 

Wir sehen, dass Leute, die an Trainings teilgenommen haben, in die wir Teile von ChallgeneX eingebaut haben, ihre Wahrnehmungen verändern und dass sich ihre Sensibilität für Fragestellungen auf einmal erhöht. Außerdem können sie langfristig auf einmal schwierige Situationen besser klären sind oder Lösungsansätze entwickeln, die vorher überhaupt nicht im Bereich des Denkbaren waren. Aber es gibt auch solche, die Rezepte wollen und lernen wollen, wie es „richtig" ist. Die sind schwer zu erreichen. Aber die meisten haben verstanden, dass es immer wieder um dieses ganz neue Einlassen geht, um individuellen Wege zu finden. Sie verstehen, dass es wichtig ist, sich jeder Situation wieder neu zu stellen, aber mit einem reflektierten Erfahrungshintergrund, der einen trägt. Aber es ist auch wichtig, dass diejenigen, die sich Rezepte wünschen, die Chance haben, das zu überdenken und zu schauen in welchen Situationen Rezepte hilfreich sind und wann ich einfach nicht mit der Trickkiste arbeiten kann. Es gibt einfach keine vorgefertigten Formeln oder Sätze, mit denen ich meinen schwerkranken Patienten oder Angehörigen begegnen kann. Es ist von großer Bedeutung, zu lernen, ihnen mit der eigenen Intuition, Spontaneität und dem eigenen Erfahrungsschatz zu begegnen.

 

Was war Ihre eigene Erfahrung?

 

Es war so hilfreich, einen Rahmen zu haben, in dem man wirklich eine eigene Problemstellung ungestört laut aussprechen kann. Was sich einfach an Dingen selbst verändert, wenn ich es nur laut aussprechen darf. Dann die Wahrnehmungen der anderen zu hören und zu merken, dass sich erstaunliche Perspektiven eröffnen. Allein dadurch, dass ich erzähle und dass ich höre, ohne es wieder zu kommentieren und zu interpretieren, was mit den anderen passiert, wenn sie mir zuhören. Dann welche neuen Erkenntnisse sich ergeben, wenn ich jemandem zuhören, der mir ein zentrales Problem von sich darstellt. Da wo ich Parallelen erkenne, wo ich also Assoziationen, Erfahrungen sich auch in mir mobilisieren. Dann auch zu spüren oder mitzubekommen, mit welchen Qualitäten man eigentlich zuhören kann. Also wie entscheidend es ist, die eigenen Gedanken aber auch die Körperwahrnehmung, Gefühlswahrnehmung mit in den Reflektionsprozess aufzunehmen. Wie schwer es ist, bei einem Problem nicht in die Abstraktion zu rutschen, sondern zu versuchen, das Problem auf den Kern zu verdichten.

Natürlich war es auch spannend, so vielen Themen aus ganz anderen Bereichen zu begegnen, was mir viele neue Ideen brachte. Es half auch, sich von dem eigenen Problem zu lösen und nicht so sehr in der eigenen Wichtigkeit der Probleme verstrickt zu bleiben. Es weitet einfach den Blick und hilft auf eine ganz andere Art und Weise zu reflektieren, was eigentlich ein respektvoller Umgang mit ganz anderen Menschen bedeutet.

 

Wie unterscheidet sich die ChallengeX Methode?

 

Da wir mit so vielen unterschiedlichsten Berufsgruppen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungshintergründen zusammenkommen, ist es wichtig, eine Methode zu haben, bei der jeder immer an seinem eigenen Punkt einsteigen kann. Dennoch verändert dies aber nichts an der Qualität und an der Komplexität der Methode. Wir bauen nicht auf Theorien auf, sondern auf der Vorerfahrung der Teilnehmenden. Obwohl diese Methodik einen ganz differenzierten theoretischen Hintergrund hat, ist es keine Voraussetzung dass die Teilnehmenden über jedes Detail dieses theoretischen Hintergrunds informiert sind. Wir postulieren jetzt gerade auch in dem ärztlichen Curriculum, dass es um exemplarisches Lernen geht, was bedeutet, dass wir die Menschen dabei unterstützen, mit und von einander zu lernen und dies auf neue Situationen zu transferieren.