Zur Unterscheidung von adaptiver und technischer Arbeit

 

Ronald A. Heifetz

 

Ein Blick in die medizinische Praxis veranschaulicht die Unterscheidung zwischen technischen und adaptiven Problemen sowie die Dynamik, die sich aus diesen Problemen entwickelt. Patienten kommen mit Symptomen und Anzeichen einer Krankheit zum Arzt. Sie hoffen, dass der Arzt ihr Problem „beseitigen" oder „reparieren" wird, wissen aber nicht, ob ihre Hoffnung begründet ist, wobei die Ärzte die Krankheit in vielen Fällen tatsächlich heilen können. Hat ein Patient zum Beispiel eine Infektion, kann der Arzt oft sagen: „Ich gebe Ihnen ein Antibiotikum, das Sie so gut wie sicher heilen wird, ohne dass Sie ihr Leben ändern müssen. Die Behandlung ist praktisch ohne Risiko. Ich kann Ihnen eine Spritze geben oder für eine Woche Pillen verschreiben. Was immer Sie bevorzugen." Für unsere Diskussion hier wollen wir derartige Fälle „technische Situationen" vom Typ 1 nennen. In diesen Situationen sind die Hoffnungen des Patienten realistisch, und der Arzt kann tatsächlich mit einer Lösung aufwarten. Das Problem/die Krankheit lässt sich definieren, behandeln und heilen, und zwar (1) auf Basis der Erfahrung des Arztes, wobei (2) die Last von den Schultern des Patienten auf die des Arztes verlagert wird. Der Patient hängt vom Wissen des Arztes ab und der Arzt vom Vertrauen des Patienten, von dessen Zufriedenheit und Gewilltsein, für die erhaltenen Leistungen zu zahlen.

 

Die Typ-1-Situation haben etwas „Mechanisches": Der Patient geht zum Arzt, damit der seinen „Defekt repariert". Viele medizinsche und chirurgische Probleme sind von dieser Art, und ihre Behandlung ist oft lebensrettend. Für den Arzt ist es sehr befriedigend, sagen zu können: „Endlich kommt jemand mit einem Problem, das ich lösen kann!" Obwohl die Mitarbeit des Patienten auch in derartigen Fällen von entscheidender Bedeutung ist, liegt die Hauptlast von Diagnose und Therapie doch beim Arzt. Der Patient wendet sich an ihn und bekommt eine Rezept, das eine Richtung vorgibt (er muss seine Medizin nehmen), Schutz bietet (die Medizin wird die Infektion überwinden) und Ordnung schafft (in einer Woche sollten Sie wieder hergestellt sein).

 

Natürlich sind viele Fälle, die Patienten zu Ärzten führen, nicht so technisch. Diese „Anpassungssituationen" können wir in Typ 2 und Typ 3 unterscheiden. Bei Typ 2 ist das Problem zwar definierbar, es gibt jedoch keine klare Lösung, die sich direkt implementieren ließe. Der Arzt hat nur eine Idee oder einen Vorschlag, die eigentliche Lösung liegt in diesen Typ-2-Situationen beim Patienten, wenn der Arzt dabei auch eine zentrale Rolle spielt. Herzkrankheiten führen mitunter zu Typ-2-Situationen. Der Patient kann mehr oder weniger voll wiederhergestellt werden, aber nur, wenn er mittels angemessener Änderungen seines Lebensstils die Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt. Dazu muss er sich mit den Vorschlägen des Arztes für eine langfristige medikamentöse Behandlung, für ein Übungs- und Diätprogramm und eine Reduzierung des Stresses, unter dem er steht, auseinandersetzen. Darunter wird er wählen müssen. Typ-2-Situationen lassen sich vom Arzt nur zum Teil mechanisch bewältigen. Er diagnostiziert, verschreibt, macht Vorschläge, aber seine Empfehlungen haben Nebenwirkungen, zwischen denen der Patient gemäß seiner eigenen Prioritäten abwägen muss. Welche neue Balance soll er in seinem Leben finden? Wie stark soll er seine Arbeitsbelastung herunterfahren, Sport treiben und mehr auf seine Ernährung achten? Der Patient muss sein Problem klar genug erkennen, um seinen Lebensstil der Situation anzupassen. Die Verantwortung für die Behandlung des Problems verteilt sich zwischen Arzt und Patient.

 

In diesen Fällen vermag der Arzt auf Grund seiner Erfahrung das Problem zu definieren und Lösungsvorschläge zu machen, die zum gewünschten Ergebnis führen können. Dem Patienten allein eine technische Antwort zu geben, hilft ihm nicht. Für ein erfolgreiches Vorgehen muss der Patient aktiv in den Prozess einbezogen werden. Der Patient muss sich mit den möglichen Veränderungen auseinandersetzen, die ihm zur Verfügung stehen. Die technischen Antworten des Arztes sind bedeutungslos, solange der Patient ihnen nicht folgt. Nur er selbst kann die Prioritäten seines Lebens neu ausrichten. Er muss neue Verhaltensweisen erlernen, und der Arzt muss diesen Lernprozess steuern, sprich: dem Patienten dabei helfen, sich selbst zu helfen. Die zentrale Rolle der ärztlichen Autorität in Typ-1-Situationen ist in Anpassungssituationen nicht mehr angemessen. Zwar hilft auch jetzt die ärztliche Autorität dem Patienten zu reagieren, aber der Arzt braucht zusätzlich zu seinem substantiellem Wissen eine andere Form von Kompetenz: die Fähigkeit, dem Patienten dabei zu helfen, das zu tun, was nur er als Betroffener tun kann.

 

Typ-3-Situationen sind noch schwieriger. Hier lässt sich das Problem nicht mehr klar definieren und dementsprechend sind auch keine technischen „Reparaturen" möglich. Typ-3-Situationen verlangen nach Führung, die Lernprozesse in Gang setzt, ohne dass der Arzt eine klare Lösung vor sich sieht. Das Lernen bezieht sich sowohl auf die Diagnose als auch auf die Umsetzung möglicher Lösungen. Chronische Krankheiten und ein bevorstehender Tod gehören zu diesem Typus. Zwar kann der Arzt auch in diesen Situationen mechanisch vorgehen, eine Diagnose stellen und Heilmittel verschreiben (irgendein „Heilmittel" findet sich für gewöhnlich immer), aber das verhindert die eigentliche Lernarbeit von Arzt und Patient in Bezug auf die Definition des Problems und die Entwicklung entsprechender Lösungen.

 

In Typ-2- und Typ-3-Situationen greift der Begriff der Behandlung der Krankheit zu kurz, um die Aufgabe von Patient und Arzt zu beschreiben. Er liefert die technische Formulierung eines nicht-technischen Problems. Wenn sich die kritischen Aspekte einer Situation kaum mehr ändern lassen, wächst das Problem über das rein Medizinische hinaus. Lautet die Diagnose zum Beispiel auf Krebs in fortgeschrittenem Stadium ohne eine wirkliche Chance auf Heilung, kann es sinnlos und ein Leugnen der Realität sein, das Hauptproblem im Krebs zu sehen. Der Krebs ist in diesem Fall ein Umstand. In dem beschränkten Maß, in dem er behandelt werden kann, stellt er nur einen Teil des Problems dar. Den Krebs dennoch als Hauptproblem zu definieren, für den es eine Lösung zu finden gilt, lenkt die Aufmerksamkeit von der eigentlich drängenden Aufgabe ab. Die eigentliche Aufgabe für den Patienten besteht jetzt darin, der Realität ins Auge zu sehen und sich in einer Weise darauf einzurichten, die über seinen gesundheitlichen Zustand hinausgeht und verschiedene mögliche Fragen stellt: Wie mache ich das Beste aus dem Rest meines Lebens? Was brauchen meine Kinder, wenn ich nicht mehr da bin? Wie bereite ich Ehepartner, Eltern, Familie und Freunde auf meinen Tod vor? Wie führe ich die mir wichtigen beruflichen Aufgaben zu Ende?

 

Tabelle 1 gibt einen Überblick über die wichtisten Charakteristika der drei Situationstypen.

 

ChallengeX

 

Unglücklicherweise neigen weder Ärzte noch Patienten dazu, zwischen technischer und adaptiver Arbeit zu unterscheiden. Tatsächlich ist es so, dass wir mit zunehmender Schwierigkeit der Situation nur noch intensiver nach einer Autorität und einem Heilmittel suchen, das uns vor Anpassungsmaßnahmen verschont. Im Großen und Ganzen wollen wir Antworten und keine Fragen. Selbst die robustesten Individuen tendieren dazu, Anpassungen zu vermeiden und stattdessen nach einer Autorität und einem Arzt zu suchen, der ihnen einen Ausweg aufzeigt. Und die Ärzte, deren Wunsch ist es, dieser Sehnsucht nach einem Heilmittel zu entsprechen, antworten zu oft nur zu gerne auf den Druck, den wir auf sie ausüben, und konzentrieren sich allein auf technischen Antworten.

 

Quelle: R. Heifetz: Leadership without easy answers. Cambridge, Massachusetts, 1994.